«Auf dem Schulweg musste ich zwei Flüsse überqueren. Dies war bei Hochwasser unmöglich, also hatte ich schulfrei», erinnert sich Sangeya schmunzelnd an ihre Kindheit. Wie sie davon erzählt, scheint ihr Heimatland weit weg. Mit 14 Jahren zieht Sangeya in die zweitgrösste Stadt des Landes, Bulawayo, wohnt bei ihrem älteren Bruder und beginnt, Buchhaltung zu studieren. Gleichzeitig nimmt die simbabwische Tragödie ihren Anfang.
Früher hatte Simbabwe als Beispiel einer gelungenen postkolonialen Entwicklung gegolten. «Wir hatten alles», sagt Sangeya, «doch dann stellte er das Land auf den Kopf.» Spricht die junge Frau über Diktator Robert Mugabe – dessen Namen sie wenn immer möglich vermeidet – holt sie erst mal tief Luft. Die Erlebnisse sind nun wieder ganz nah.
1980 kam der Despot an die Macht, hebelte ab den Neunzigerjahren die Rechtsstaatlichkeit schrittweise aus und schaffte es, das Land in beinahe beispielloser Weise herunterzuwirtschaften. Wie viele andere junge Menschen wehrt sich Sangeya gegen das Regime: «Wir Jungen hatten einen Traum, aber keine Chance. Redefreiheit existierte nicht. Nicht mal den Freunden konnte man trauen, überall gab es Spitzel.»
Als Mitglied einer Oppositionspartei leistet sie politische Arbeit und hilft, eine Demonstration gegen die Erhöhung der Schulgebühren zu organisieren. Dabei wird sie verhaftet. «Im Gefängnis wurden wir geschlagen, erhielten kaum Nahrung und lebten zusammengepfercht wie Tiere», erinnert sich Sangeya. Allerdings hat sie noch Glück im Unglück, wird sie doch nicht wie einige ihrer Mitgefangenen zu Sex mit den Wärtern gezwungen.
Lebensbedrohliche Repression
Wieder in Freiheit, denkt sie nicht ans Aufgeben. Im Gegenteil: Als besonders engagierte Aktivistin wird sie zur Vorsitzenden der Studentenorganisation ihres Colleges gewählt. Doch zu dieser Zeit wird die politische Repression in Simbabwe immer heftiger. Oppositionelle verschwinden spurlos. Seine Kritiker versucht Mugabe mit Haft, Folter und paramilitärischen Truppen einzuschüchtern: «Sie klopften an unsere Türen und notierten unsere Namen», sagt Sangeya, «wir machten uns deshalb immer grössere Sorgen um unsere Sicherheit.»
Dennoch demonstriert sie, zusammen mit Tausenden von Kommilitonen, wieder gegen die Politik des Regimes. Der Protest wird von der Polizei niedergeschlagen. «Als eine der Verantwortlichen der Demo musste ich mit schweren Konsequenzen rechnen. Ich fürchtete um mein Leben», sagt Sangeya. Sie sieht nur noch einen Ausweg: die Flucht.
2006 kommt sie in die Schweiz, wo ihr erstes Asylgesuch aufgrund einer zu dürftigen Beweislage abgelehnt wird. Die Freiplatzaktion stellt aber fest, dass Sangeya dem Bundesamt für Migration nur einen Bruchteil ihrer Erlebnisse erzählt hat. Für das Wiedererwägungsgesuch beschafft die Freiplatzaktion ein Schreiben der simbabwischen Oppositionspartei, das Auskunft über Sangeyas politischen Aktivitäten in Simbabwe gibt. In langen Gesprächen kann ihre Geschichte rekonstruiert und schliesslich präzise dargestellt werden – mit Erfolg: Sangeya bekommt Asyl.
Heute arbeitet die junge Frau in einem Restaurant. Später würde sie gerne mal selbstständig einen Kiosk führen. Zu Land und Leuten hat sie ein gutes Verhältnis: «Ich habe viele Schweizer Freunde. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin.» Seit 2010 sei sie verheiratet, erzählt sie strahlend. Und ihr Zukunftstraum? «Ein Heim für aidskranke afrikanische Kinder aufzubauen, wäre das Grösste.»
Nur wenn sie an Simbabwe denkt, verfinstert sich ihr Gesicht: «Dass Mugabe immer noch an der Macht, kann ich nicht verstehen. Ich hoffe, dass mein Land eines Tages wieder so wird, wie es früher war.»
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